„Bis jetzt haben wir noch jeden Reporter nass gemacht“

Vor einigen Jahren, ich glaub es war 2005, bin ich anlässlich des 140-jährigen Bestehens der Deutschen Seenotrettungsgesellschaft auf einem Rettungskreuzer mitgefahren, der in Bremerhaven stationiert ist. Das war ein echt tolles Erlebnis, vor allem auch, weil die Crew des Kreuzers sehr aufgeschlossen war. Heike fand den Text so gut das sie ihn auf ihre Seite gestellt hat – und nun ist es an mir, Andreas, etwas dazu zu sagen, denn natürlich ist das ne olle Kamelle, und in unserer Zeit heute zählt nur das Schnelle, Aktuelle. Aber es gibt Geschichten, die es lohnen erzählt zu werden, einfach weil sie – Aktualität hin oder her – ein Zeitzeugnis darstellen und vielleicht auch ganz einfach unterhaltsam sind. So eine Geschichte ist die Story von der „Hermann Rudolf Meyer“. Beamen wir uns zurück ins Jahr 2005 und sehen einen jungenhaft grinsenden Menschen in der Mitte seiner 30er Jahre vor uns, den unter dem Helm hervorragenden Haarschopf zerzaust vom Fahrtwind und steif vom Meersalz: „Bis jetzt haben wir noch jeden Reporter nass gemacht“, grinst dieser Dirk Hennesen in breitem norddeutschen Dialekt. Mit aufbrüllendem Motor wirft sich die „Christian“ quer in die Hecksee des Seenotrettungskreuzers „Hermann Rudolf Meyer“. Das ist besser als Achterbahn fahren – und Hennesen hält sein Versprechen.

Die „Spritztour“ mit dem Tochterboot des 23-Meter Kreuzers ist der Höhepunkt unserer kleinen Pressefahrt in der Wesermündung, die auch für die Männer der „Hermann Rudolf Meyer“ eine willkommene Abwechslung in ihrem täglichen Dienst ist. Für jeweils zwei Wochen ist der in Bremerhaven liegende Seenotkreuzer ihr Zuhause, rund um die Uhr sind sie in Bereitschaft, um bei Unfällen, Havarien und anderen Gefahren sofort reagieren zu können. Neun Männer gehören zur Stammbesatzung der Hermann Rudolf Meyer, von denen immer vier eine Crew bilden. Einer von ihnen ist Dirk Hennesen, und er ist kein Kind der Küste, sondern waschechter Westfale: Am Niederrhein geboren und aufgewachsen, lebt der 35-jährige dritte Vormann der Hermann Rodolf Meyer heute mit seiner Ehefrau und seiner zweieinhalbjährigen Tochter in Dorsten.

„Zur See zu fahren war schon immer mein Traum“, erzahlt Hennesen beim Kaffee unter Deck. Der Tisch, an dem wir sitzen, kann notfalls auch als Behandlungstisch für medizinische Erstversorgung genutzt werden. Platz ist knapp an Bord des 1996 gebauten 23-Meter-Schiffes. Seinen Traum verfolgte Hennesen mit aller Konsequenz: Nach einer Schiffsmechanikerlehre bei der Reederei Hamburg und einigen Monaten als Offiziersassistent auf Containerschiffen der Reederei ging er zur Hamburger Seefahrtschule, die er 1995 mit dem Kapitänspatent abschloss. Eineinhalb Jahre arbeitete er dann als 2. Offizier auf einer Fähre, die zwischen Travemünde und Trelleborg verkehrt. Dann ging ein weiterer Traum für Hennesen in Erfüllung: „Ich hatte mich inzwischen zum dritten Mal bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) um eine Stelle beworben – und diesmal klappte es!“

So kam Dirk Hennesen 1997 an Bord des damals gerade erst in Dienst gestellten Seenotkreuzers. Die Hermann Rudolf Meyer gehört mit ihren drei Schwesterschiffen zu den modernsten Einheiten der DGzRS-Flotte. Sie ist ganz aus Aluminium gebaut und lässt sich gasdicht verschließen. So kann sie auch in giftigen Atmosphären operieren, beispielsweise bei Chemieunfällen oder Feuer. „Das ist uns bislang zum Glück erspart geblieben“, meint Hennesen. „Es gibt Dinge, die muss man nicht erleben.“ Andere Dinge erlebt die Crew dagegen häufig: Im Schnitt zweimal die Woche muss der Seenotkreuzer ausrücken und Menschen zu Hilfe kommen. Die Palette reicht von Arbeitsunfällen an Bord von Fischerbooten über havarierte Kutter bis hin zu gekenterten Seglern. „Viele haben einfach Pech da draußen, und denen müssen wir helfen“, ist Hennesen ganz im Sinne der Philosophie der DGzRS überzeugt. Er schüttelt aber ebenso den Kopf über jene, die ihren gesunden Menschenverstand nicht gebrauchen: „Da war einmal diese Segelschule aus Münster“, erinnert er sich. „Die sind im Februar bei Windstärke elf bis zwölf da raus. Zwei Jollen mit Jugendlichen darin sind gekentert.“ Kein Spaß bei eisigen Temperaturen und einer Strömung von vier Knoten. „Dagegen schwimmt man nicht an“, macht Hennesen die bedrohliche Situation klar. Zum Glück waren die Männer der Hermann Rudolf Meyer schnell zur Stelle.

Trotz seiner Liebe zum Meer und einem Traumjob an der Küste ist Dirk Hennesen aber der Heimat verbunden geblieben: „Ein Umzug kam für uns nie in Frage. Meine Frau hat hier ihre Arbeit und alle unsere Freunde leben hier. Alle zwei Wochen pendele ich mit dem Zug hin und her, dass ist kein Problem.“ An Bord der Hermann Rudolf Meyer will er jedenfalls solange bleiben, wie es nur geht: „Ich fahre zur See und kann gleichzeitig Menschen helfen – das ist für mich das Schönste was es gibt.“

Mehr über die Seenotretter gibt´s bei Wikipedia zu lesen.

Kategorie Blog
Autor

Andreas hat ein umfassendes Wissen was Geschichte angeht. Besonders interessiert ihn die Zeit während des Zweiten Weltkrieges. Ein großes Repertoire an Kenntnissen aller Fakten, Geschehnisse und ganz besonders über die Militärtechnik zeichnet ihn aus.

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