Die Befreiung von Walcheren

Als ich die Bilder von Jörg aus Westkapelle gesehen habe, erinnerte ich mich daran, dass ich im letzten Jahr an der selben Stelle gestanden habe. Westkapelle ist eigentlich nichts besonderes – es gibt schönere und liebreizendere Orte auf Walcheren. Aber trotzdem hat es etwas… etwas historisches.
Denn diese Stelle hatten sich Briten und Kanadier im Herbst 1944 ausgesucht, um mit der Befreiung der Niederlande von deutscher Besatzung zu beginnen. Natürlich nicht aus reiner Liebenswürdigkeit: Die Allierten brauchten Antwerpen als Umschlaghafen für ihren militärischen Nachschub, aber solange die Schelde in Reichweite deutscher Geschütze auf niederländischem Gebiet lag, war der Weg für Frachtschiffe zu riskant. Wie wichtig Antwerpen aus strategischer Sicht war, mag man auch daran erkennen, dass es zu den Hauptzielen deutscher V2-Raketenangriffe gehörte. Und natürlich hatte man Walcheren entsprechend befestigt.
Aber zurück nach Westkapelle. Wer sich auf dem kleinen Friedhof am Leuchturm etwas umsieht, der wird schnell eine Ahnung davon bekommen, wie die heimische Bevölkerung während der Besatzungszeit gelitten hat. Auffallend viele Grabsteine tragen Todesdaten zwischen 1940 und 1944, mitunter liegen dort ganze Familien. Ich hatte einen dicken Kloß im Halse, als ich in den späten 1990er Jahren das erste Mal dort war.
Was hatten unsere Großväter hier verloren? Wieso konnten sie diese Menschen nicht in Frieden lassen? Der markante Leuchturm selbst ist übrigens ein alter, umfunktionierter Kirchturm, allerdings kein Relikt des 2. Weltkriegs. Das Gotteshaus wurde schon im Spanisch-Holländischen Krieg schwer beschädigt, und Anfang des 19. Jahrhunderts gab ihm ein Feuer den Rest. Nur der Turm blieb stehen.
Man kann sich also vorstellen, dass die Niederländer (jedenfalls die meisten – auch unter ihnen gab es selbstverständlich Nazis) ihre Befreier willkommen hießen, auch wenn diese äußerst rabiat vorgingen und mancher Bewohner Westkapelles und später der übrigen Niederlande diese Befreiung nicht überleben würde.
Auf Walcheren begann es mit einem heftigen Bombardement: Britische Bomber sprengten – unter anderem bei Westkapelle – Breschen in den Deich, um die dahinterliegende Landschaft zu fluten.
Das Kalkül: Dem Gegner würde es so nicht möglich sein, seine Kräfte schnell zu sammeln und zu bewegen. Fahrzeuge und Panzer würden absaufen, während die britischen und kanadischen Truppen mit Amphibienfahrzeugen ausgestattet waren und zudem über Luftüberlegenheit und Seeunterstützung durch Kriegsschiffe verfügten. Die Truppen landeten in der Nacht des 1. November gleichzeitig in Vlissingen und Westkapelle.
Und wie das so ist mit Kriegsplänen: Sie sind oft mit dem ersten Schuss hinfällig. Die Deutschen wehrten sich heftig: 5000 bis an die Zähne bewaffnete Männer standen den rund 3000 allierten, nicht weniger gut gerüsteten Soldaten gegenüber. Gekämpft wurde um jeden Meter, und im von Stacheldraht und Minen durchzogenen Schlamm und Morast verreckten Briten und Kanadier ebenso wie Deutsche.
Der Kampf dauerte acht Tage, dann waren die Besatzer vertrieben und Walcheren komplett verwüstet.
_DSC1215In Westkapelle ist man für die Befreiung dennoch bis heute dankbar: Ein Sherman-Panzer der britischen Armee steht auf dem Deich, zugleich Siegesmal sowie Erinnerung und Dank an diejenigen, die für die Befreiung gestorben sind:
rund 500 allierte Soldaten wurden getötet, weitere 925 verletzt.
Ähnlich hohe Opferzahlen hatten die Deutschen zu verzeichnen.
Auch wenn es vielleicht albern klingt: Immer, wenn ich dort stehe, spüre ich diesen „Hauch“ der Geschichte, kommen mir die Opfer in den Sinn, der ganze Wahn, der all dies angerichtet hat. Und wie so oft frage ich mich: Man weiß doch vorher, das man soviel Leid über andere bringt – wie muss man gestrickt sein, das es einem egal ist? Wer mehr Details über die Kämpfe erfahren möchte, kann sie hier nachlesen:
Am Fuß des Deiches, auf dem der Panzer steht, gibt es übrigens auch ein kleines privates Museum, das Überbleibsel aus dem Krieg gesammelt hat. Und wer sich intensiver mit den Niederlanden vor und während des zweiten Weltkrieges beschäftigen möchte, dem sei ein Besuch im Liberty Park in Overloon geraten.
Dort gibt es eine umfangreiche Dokumentation der politischen Verhältnisse in den Niederlanden vor dem Einmarsch der Wehrmacht, dem kurzen und heftigen Widerstand der niederländischen Armee gegen die übermächtigen Deutschen und der Besatzungszeit.
Der Liberty Park ist nicht zufällig in Overloon – auch das ist ein historischer Ort, an dem Tod und Verwüstung ganz besonders gewütet haben. Aber dazu vielleicht in einem anderen Beitrag mehr.

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