Gekommen um zu bleiben…

… auch das war nicht geplant, aber wie das so ist in einem Urlaub mit dem Campingmobil: Man kann jeden Tag seine Pläne umwerfen und was ganz anderes machen. Freiheit pur. So sitzen wir hier in den Dünen von La Govelle, wieder einmal berauscht und eingefangen vom Charme der südwestlichen Bretagne. Rau ist sie mit ihren Granitklippen, zwischen denen sich nur hie und da kleine sandige Flecken zeigen. Wenn sich die Wellen bei Flut an den mit Muscheln und Tang bewachsenen Felsformationen brechen, vermitteln sie einen Eindruck davon, wie es hier im Herbst und Winter zugehen mag, wenn die Stürme über das Meer peitschen. Alle Lieblichkeit, die im Sommer diesen Landstrich in ein blühendes und duftendes Paradies verwandelt, dürfte dann verflogen sein, nicht aber seine Magie. Heike hätte für diese Beschreibung nur einen Ausdruck gebraucht: „wild-romantisch“, und längst stöbert sie durch die hiesigen Immobilienangebote: Vielleicht ist ihr kleines, in die Dünen geducktes Traumhaus ja dabei.IMG_3100Das aber die Freiheit des Reisens zumindest einen kleinen Preis hat, erfuhr Heike (im Wortsinne) auf der Reise dorthin. Es fing an, nachdem wir mit der Autofähre von Le Verdon nach Royan übergesetzt hatten und entschieden, weiterhin auf mautfreien Straßen zu fahren – sprich: Nationalstraßen. IMG_2933 IMG_2918Schließlich hatte das Navi nur einen geringfügigen Fahrtzeitunterschied zur kostenpflichtigen Autobahn für die rund 300 km lange Strecke angegeben, und waren diese kleinen Ortschaften, durch die man dabei kam, nicht allesamt malerisch und schön? Nun ja… nach dem gefühlt einhundertsten Ort ließ unsere Begeisterung doch etwas nach, und die spezielle französische Verkehrsinfrastruktur stellte meine sonst so unerschrockene Chauffeurin auf eine harte Probe.IMG_2953 IMG_2983 IMG_2993 IMG_2994 Gemeint ist – genau – der Kreisverkehr! Diese Art der Verkehrsführung hat ja durchaus ihre Vorteile, weswegen sie – einst verpönt – auch in deutschen Planungsabteilungen in Stadt und Land zurecht immer mehr Anhänger findet: Teure und zudem stromfressende Ampeln werden nicht benötigt, die Fahrzeuge aller einmündenden Straßen werden gezwungen, auf eine angemessene Geschwindigkeit herunter zu gehen, und insgesamt fließt der Verkehr flüssiger. Während in Deutschland der Kreisverkehr jedoch zumeist nur an besonders dafür geeigneten Stellen quasi nachträglich in das vorhandene Straßennetz integriert wird, gehört er in Frankreich seit langem zur Standartlösung für kreuzende Nah- und Fernstraßen. Innerhalb von Ortschaften hat das häufig zur Folge, das die Abstände zwischen den Kreisverkehren oft nur wenige hundert Meter betragen. Und nun stelle man sich am Steuer eines etwas betagten Campingmobils OHNE Servolenkung vor, gezwungen, eine gefühlt endlose Abfolge von Ein- und Ausschermanövern durchzuführen, dabei die schwerfällige Karre immer mal wieder anhalten zu müssen, um anderen Fahrzeugen Vorfahrt zu gewähren. Hinzu kommt eine weitere verkehrstechnische Errungenschaft der Franzosen: Um der Aufforderung Nachdruck zu verleihen, auf bestimmten Streckenabschnitten eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h einzuhalten, hat man – ähnlich wie bei uns – Schwellen quer über die Fahrbahn gebaut – und zwar auch auf Haupt- und Durchgangsstraßen. Deren Rampen weisen mitunter eine derart starke Neigung und Höhe auf, das es ratsam ist, sie mit Rücksicht auf das Fahrwerk nur im Schritttempo zu überqueren – erst recht mit einem vollbeladenen Camper: Man kann alles noch so gut verstauen, irgendwas klappert und rasselt immer, löst sich, fällt um oder geht im schlimmsten Fall kaputt. Und da den Schwellen vorher nicht immer anzusehen ist, wie steil und hoch sie sind, fährt man besser alle vorsichtig an. Die andauernde Kurbelei und das Beinahe-Stop-and-go ging sogar der an engste, unbefestigte Bergpässe und Serpentinen gewöhnten Kaschubin allmählich auf die Nerven, und sie begann, sich nach einer Autobahn zu sehnen. Der Wunsch wurde ihr erfüllt, als wir Nantes erreichten und auf die dortige „Peripherie“ gelangten, der Umgehungsautobahn. Ein Blick auf die Straßenkarte oder ein Satellitenfoto enthüllt, das auch die Peripherie eine Ringstraße ist, also quasi ein Kreisverkehr, nur so groß, das man es nicht merkt. Es war also ein weiteres Omen, das Heike zu ihrer nächsten Prüfung führte: Mächtig ragte das Monster schon von Ferne sichtbar auf, ein Koloss aus Beton und Stahl, bereit, die Schwachen von den Starken zu trennen und sie in seinem bodenlosen Abgrund zu verschlingen.IMG_3000 IMG_3004  Gemeint ist die Loire-Brücke nahe St. Nazaire, tatsächlich ein architektonisches Meisterstück, das sich in einem eleganten Bogen über den breiten Fluss schwingt. Am höchsten Punkt befindet man sich bei der Überfahrt 67 Meter über dem Wasser – ein Klacks, wird mancher denken. In der Theorie vielleicht, aber in der Praxis bietet dies einen derart atemberaubenden Blick über den Flusslauf und die ansonsten ebene Landschaft, das man sich fast wünscht, die Brücke sei noch etwas länger als bloß drei Kilometer – es sei denn man leidet unter Höhenangst. Dann ist die Überquerung der blanke Horror. Der kann sich dann übrigens auch auf den Beifahrer übertragen: Mein so dahin gesagtes „Augen zu und durch“ nahm die Kaschubin wörtlich, offenbar reflexartig an bewährte Methoden ihrer Vorfahren erinnert, und duckte sich unter das Lenkrad.IMG_3002 Ich versuchte, mir die unterdrückte Panik angesichts der beiden Vierzigtonner, die uns gerade synchron links und rechts überholten, nicht anmerken zu lassen (natürlich krochen wir auf der Mittelspur die Brücke hinauf, soweit es ging vom Rand entfernt) und konnte Heike dazu überreden, sich wieder auf den Verkehr vor ihr zu konzentrieren. Dann ging es auch schon wieder die andere Brückenhälfte hinab, der ebenen Erde entgegen, und sie entspannte sich deutlich. Das die Geschichte nicht nur lustig zu lesen ist, sondern einen ernsten Hintergrund hat, mag man daran ersehen, das Heikes Hände anschließend schweißnass waren.

Doch nachdem wir auf diese Weise endlich die Region Guarande erreicht hatten, uns durch die Salzgärten, den markanten Kirchturm von Batz-sur-Mer im Blick, unserem Ziel näherten, da war der Horror weitgehend verblichen. Heikes einzige Sorge bestand nunmehr darin, wir könnten keinen Platz mehr auf unserem kleinen Lieblingscampingplatz mehr bekommen, auf dem wir bereits im letzten Jahr einen Teil unseres Urlaubs verbracht hatten. Das erwies sich allerdings als unbegründet. Natürlich hatte man einen Platz frei, die Betreiber erkannten uns sogar wieder und erlaubten uns, die beiden Hunde gratis mit auf den Campingplatz zu nehmen.IMG_3015 La Govelle… entgegen aller Pläne sollte dies unsere letzte Urlaubsstation werden – und die erholsamste dazu.

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