Gestrandet in Frankfurt oder Murphy`s Law

Unlängst berichtete ich ja hier über meine amüsanten Fundstücke aus dem Sprachschatz der Kleinanzeigen bei der Suche nach einem fahrenden Untersatz. Heute soll es darum gehen, dass meine Fahrzeugsuche Erfolg hatte und letztlich in ein denkwürdiges Abenteuer führte, in dem sich großes Pech, Fehleinschätzungen und seltsame Fügungen zu einem Lehrstück in Sachen „Murphys Law“ zusammen fügten – einschließlich einer demütigen fundamentalen Einsicht in die Unabwendbarkeit des Schicksals.

Es begann mit der Besichtigung eines Ford Scorpio Turnier mit Ghia-Ausstattung und 2,3 Liter Motor, 20 Jahre alt, 284.000 Kilometer auf der Uhr, eineinhalb Jahre Tüv, Kaufpreis schlappe 899 Euro. Warum so eine alte Karre? Nun, erstens habe ich die Erfahrung gemacht, dass es ziemlich unabhägig vom Alter eines Autos ist, ob man dabei in die Kacke packt. Zweitens wollen wir damit auch die Hunde transportieren, und jeder der Hunde hat weiß wie ein Auto anschließend aussehen kann, wenn man die Tiere nach einem Waldspaziergang im Herbst wieder ins selbiges lädt. Sagen wir es so: Mit einem hochwertigen Neuwagen macht man das nur einmal. Danach hat es sich was mit hochwertig. Der dritte Grund war, dass wir eigentlich nur ein günstiges Auto für den Übergang brauchten. Da kam angesichts der Jahreszeit der Scorpio mit seiner Vollausstattung samt Anhängerkupplung und Winterpaket bestehend aus Sitzheizung und heizbarer Frontscheibe gerade recht – mehr Auto für so wenig Geld geht kaum.

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Dat isser…

Trotzdem ist ein 20 Jahre alter Ford ein Ladenhüter, was man ja auch am Preis sieht. Auch das auserkorene Exemplar in dunkelgrün-metallic stand schon ein halbes Jahr bei einer Autowerkstatt in Hattingen zum Verkauf. Wohl auch deshalb ließ sich deren Inhaber nach kurzem Check und einer kurzen Probefahrt auf 600 Euro herunter handeln. Klar, er hat seine Macken, etwas Rost, und beim Lastwechsel spürt man die Laufleistung deutlich. Aber sonst macht das Auto einen soliden Eindruck, der Motor läuft super und erweißt sich als durchzugsstark genug für schaltfaules Fahren in der City. In Heike, die mich bei der Besichtigung begleitete – wir hatten nämlich kurz vorher die Mutter aller Schreibtische bei einem Bekannten in Gevelsberg abgeholt – wurde aber angesichts der Mängel die Kaschubin wach. „500 Euro, mehr würde ich nicht geben“, sagte sie, und ihr Grinsen, das einem Weißen Hai kurz vor dem Angriff auf eine Robbe nicht unähnlich war, zeigte mir zweierlei: Erstens hatte sie die Beute akzeptiert, und zweitens war in ihr das Jagdfieber erwacht. Wissend, das man sich tunlichst nicht zwischen Jäger und Beute stellt, schickte ich sie als Verhandlungsführerin vor. Allerdings war ihr in dem Werkstattbetreiber – ein freundlicher, älterer Herr byzanthinischer Provinienz – ein Gegner erwachsen, der die Finessen des Feilschens schon mit der Muttermilch eingesogen hatte. Das Angebot von 500 Euro quittierte er mit einer Mine, als hätte er in eine Zitrone gebissen, betonte, er würde quasi nichst an dem Auto verdienen, da er für den Tüv schon soviel investiert habe. Halb erwartete ich, dass er auf seine hungernde Familie hinweisen würde, aber das schreibe ich hier nur, um anschaulich zu machen, das der Mann sein psychologisches Handwerk verstand. In Wirklichkeit sind mir solche Klischees fremd. Es blieb also bei den 600 Euro, cash bezahlt und das frisch angemeldete Auto am kommenden Tag abgeholt – wobei sich auf der Rückfahrt der gute Eindruck, den ich von dem Wagen gewonnen hatte, bestätigte: Gutmütig und entspannt gleitete ich mit dem Kombi heim, genoss angesichts des nasskalten Wetters draußen in vollen Zügen die Sitzheizung und fällte dann den fatalen Entschluss, in den kommenden Tagen mit diesem Auto statt mit einem Mietwagen auf einen beruflichen Termin in Frankfurt am Main zu fahren.

Schicksalsgläubige könnten einwenden, das die Fahrt von Anfang an unter schlechten Vorzeichen stand. Man könnte aber auch sagen, dass Hast und Zeitknappheit noch nie gute Vorausetzungen waren, um ein Vorhaben erfolgreich über die Bühne zu bringen. Der Entschluss, auf das neue, unerprobte Auto zu vertrauen, führte genau zu dieser Hast – denn natürlich benötigte ich für den Trip nach Frankfurt ein Navigationssystem. Wir haben zwei – ein herkömmliches, das man an die Windschutzscheibe pappt und das Heike im Nugget verwendet, sowie ein Doppel-Din-Multifunktionsgerät mit Touchscreen, das Radio, CD-Spieler und Navigationsgerät in einem ist. Dieses Ding wollte ich am Tag vor der Fahrt noch unbedingt in den Scorpio einbauen. Nun verhält es sich so, das Ford in den 1990-er und frühen 2000-er Jahren zwar auch große Radios in seine Fahrzeuge einbaute, aber nicht im Doppel-Din-Format, sondern in einer etwas kleineren Größe, die ca. einen Zentimeter niedriger ist, also 1/2-Din. Wohl darum wissend, hatte ich mich mit einer Raspel bewaffnet um den Einbauschacht im Amaturenbrett entsprechend zu weiten. Der Kunststoff setzte der Raspel wenig entgegen – soweit, so gut. Was ich in der Hektik vergessen hatte war, dass sich im inneren des Amaturenbrettes ein weiterer Stahlrahmen befindet, der als hintere Halterung für das Radio dient. Dieser ließ sich unmöglich mit der Raspel weiten, ausbauen konnte ich ihn auch nicht, da es schon dunkel wurde und ich die Verschraubungen nicht fand. Also schob ich das Radio soweit in den Schacht hinein, wie es möglich war. Es ging gerade so weit, das ich noch schalten konnte, obwohl der Schaltknauf dabei fast das Display berührte. Immerhin: Das Navi funktionierte, und ich fühlte mich gerüstet für die Fahrt.

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… und das extrem professionell eingebaute Autoradio…!

Allerdings hatte diese Aktion mit der heißen Nadel auch Nerven gekostet – und nicht zu knapp. Die daraus resultierende Fahrigkeit und Konzentrationsschwäche, die auch nach einer nicht so erholsam wie erhofften Nacht nicht gänzlich verschwunden war, waren das nächste Hochwasser auf die Mühlen von „Murphys Law“. Warum die Nacht nicht so erholsam war? Tja. Immer wenn ich am nächsten Tag früh zu einem Termin muss, schlafe ich schlecht. Je früher der Termin desto schlimmer ist es. Nervosität vielleicht, keine Ahnung warum. Ganz schlimm sind Flüge früh morgens, wenn man schon um sechs Uhr oder so am Flughafen sein muss. Ich gehe früh ins Bett, komme aber einfach nicht in den Schlaf. Die Gedanken rotieren im Kopf, gar nicht mal um den bevorstehenden Termin, sondern um alles mögliche. Irgendwann erlöst mich der Schlaf dann doch, aber unterm Strich habe ich dann vielleicht vier Stunden geschlafen in der Nacht. Nicht schön wenn man dann so müde in den Tag starten muss. Man vergisst die Hälfte, ist unkonzentriert, kämpft mit Sekundenschlaf beim Autofahren… Ob das den Menschen klar ist, die solche Termine machen? Wie soll man da aufnahmefähig sein für das, was man bei dem Termin erfahren soll? Ich habe aus diesem Grund einmal einem Auftraggeber mitteilen müssen, dass ich unter diesen Umständen nicht mehr für ihn arbeiten kann. Es war eine Softwarefirma aus Wien, die regelmäßig morgens um 10 Uhr ihre Besprechungen abhielt. Wenn ich bei einer solchen Besprechung dabei sein sollte, musste ich frühmorgens den ersten Flieger nehmen, war dann gegen neun Uhr am Ziel und musste eine Stunde warten bis das Meeting begann. So freundlich und angenehm kreativ die Menschen dort waren – pünktlich mit Beginn des Meetings begann ich abzubauen, einmal wäre ich sogar beinahe ernsthaft eingeschlafen. Am Vortag anreisen und übernachten war nicht drin – zu teuer. Also habe ich die Zusammenarbeit beendet.

Bis jetzt habe ich eine, so würde es ein Wisschenschaftler nennen, „Kausalkette“ an Gegebenheiten und Vorkommnissen geschildert. Ein jedes Glied dieser Kette bedingt das nächste, und an jeder Stelle kann etwas so richtig schief gehen. Wenn so etwas passiert, wird gerne von „Murphys Gesetz“ gesprochen. Daher lohnt sich ein Blick darauf, was damit eigentlich gemeint ist. Der Einfachheit halber bediene ich mich dafür bei Wikipedia. Die originale Formulierung des Gesetzes lautet: „Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“ Als reduzierte Variante dieser Aussage kursiert meist der Spruch „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“. Man sieht schon, das hier zwischen dem Original und der populären Version deutliche Unterschiede bestehen. Witzig gemeint sind aber beide nicht: Die moderne Technik verwendet sie für Fehlervermeidungsstrategien für geschlossene Systeme oder Versuchsanordnungen. Außerhalb dessen, wenn etwa zukünftige oder unabgeschlossene Handlungen oder Vorgänge einbezogen werden, gewinnen so genannte „ordnende Faktoren“ einen zunehmenden Einfluss. Dies äußert sich im täglichen Leben dadurch, dass häufig NICHT der schlimmstmögliche Fall eintritt. Wenn es aber so ist, wird gerne an Murphys Gesetz erinnert.

In diesem Sinne also möchte ich Murphys Gesetz verstanden wissen, denn die ordnenden Faktoren haben an jenem 17. November 2016 zunächst allesamt versagt. Dabei fing alles eigentlich ganz harmlos an. Ich kam gut aus dem Bett an jenem Morgen und lag gut in der Zeit, als ich schließlich auf die Autobahn Richtung Frankfurt am Main fuhr. Mein Ziel war ein Hotel in der Innenstadt, in dem eine Fachtagung des Deutschen Flexodruckverbandes stattfand. Dort sollte es um das Für und Wider wasserbasierender Farben bei der Bedruckung von Folien für flexible Verpackungen gehen, also beispielsweise einer Haribo-Tüte oder einem Sack für Hundefutter. Das Auto fuhr wie man das von einem großen Ford gewohnt ist: Angenehm leise schwebte es über den Asphalt, der Verbrauch hielt sich in Grenzen, und nichts wies auf irgendeine Störung des geplanten Tagesablaufs hin – ich war guter Dinge, am frühen Abend wieder daheim zu sein. Ein erster Schatten fiel allerdings bei der ersten Pinkelpause darauf, die ich zugleich zu einem Tankstop nutzte. Erschreckt stellte ich fest, das ich vor dem Losfahren meine Brieftasche nicht aus meiner Alltagsjacke in die „gute“ Jacke umgepackt hatte. Darin befinden sich nicht nur meine diversen Karten, wie EC- und Kreditkarte, sondern auch mein Führerschein, mein Personalausweis, die Mitgliedskarte für den Pannendienst und so weiter. Kurzum: Ohne diese Brieftasche existiere ich nicht. An der Tankstelle fand ich das noch nicht so dramatisch – schließlich hatte ich noch ca. 150 Euro in bar dabei, konnte also das Benzin bezahlen und weiterfahren. Wie fatal sich die vergessene Brieftasche noch auswirken sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu erkennen.

Nach etwas über zweistündiger, ansonsten ereignisloser und angenehmer Fahrt erreichte ich mein Ziel und parkte den Ford in einer Tiefgarage. Beim Aussteigen nahm ich einen leichten Gummigeruch wahr, dem ich weiter keine Bedeutung beimaß. Wir hatten schon Autos, die nach jeder Fahrt nach Gummi rochen, ohne das ein Grund dafür gefunden werden konnte – auch nicht von der Fachwerkstatt. Hätte ich die Ursache in diesem Moment gewusst, hätte es vermutlich aber auch keinen Unterschied gemacht. Ohne mir dessen bewusst zu sein, war ich genau in diesem Moment in Frankfurt gestrandet. Als ich nämlich ein paar Stunden später zum Auto zurückkehrte passierte folgendes: Der Motor startete, kurz darauf ertönte ein Geräusch das sich anhörte wie „pfitsch“ und plötzlich war die Lenkung sehr schwergängig. Ein Blick unter die Haube offenbarte das Malheur: Der Flachrippenriemen war gerissen, der Wasserpumpe, Lichtmaschine, Servolenkung und Klimaanlage antreibt. „Jetzt wenigstens erstmal raus aus der Tiefgarage“, dachte ich mir, voller Zuversicht, diese läppische Panne bald beseitigen zu können. Also parkte ich irgendwo am Straßenrand und begann zu telefonieren. Den ersten Dämpfer erhielt ich bei der Hessengarage, immerhin einem der größten Ford-Händler überhaupt. Dass die junge Dame am Telefon, die vermutlich noch in die Windeln gemacht hat als der Scorpio vom Band gerollt ist, nicht so recht wusste was ich von ihr wollte, ist verzeihlich. Nicht aber, dass sie meine Notlage nicht begreifen wollte: Ich müsse Geduld haben, schließlich würden auch noch andere Kunden ihre Autos abholen wollen. Nachdem ich ihr mehrfach versichert hatte, dass ich kein Auto abholen wollte sondern mit einer Panne auf der Straße stehen und dringend ein Ersatzteil benötigen würde, ließ sie sich dazu herab, den Ersatzteilservice zu informieren, der mich auch recht zügig zurückrief. Nein, betonte der ebenfalls noch recht jung klingende Mann, für soooo ein altes Auto habe man keine Ersatzteile auf Lager. Den Riemen müsse man bestellen – am Montag (also in vier Tagen) wäre der dann wohl da. Immerhin hatte er einen guten Tipp für mich: „Besorgen sie sich den Riemen doch bei ATU – die haben sowas vorrätig.“ Muss ich wohl nicht kommentieren. Eine halbe Stunde wertvolle Zeit war so verloren gegangen.

Als nächstes rief ich also bei ATU an. Wieder eine junge Dame an der Telefonzentrale, die mir sogar sagen konnte, welche der Filialen im Umkreis den gesuchten Flachrippenriemen vorrätig hat. Zu diesem Zeitpunkt – es war gegen 17.30 Uhr – bin ich immer noch davon ausgegangen, dass es mir gelingen würde, den Riemen selbst zu erneuern und die Heimreise anzutreten. Die nächstgelegene ATU-Filiale lag laut Navi 6,3 Kilometer entfernt – das sollte ich – so rechnete ich es mir aus, auch ohne Wasserpumpe schaffen. Leider hatte ich den Frankfurter Berufsverkehr nicht auf der Rechnung gehabt. Nach einer halben Stunde war ich immer noch drei Kilometer von der ATU-Filiale entfernt, der Kühler kochte und ich gab entnervt auf, parkte das Auto auf dem Bürgersteig und rief den Pannendienst an. Mein Kalkül: Wenn der mich noch rechtzeitig zum Teilehändler schleppt, könnte ich den Riemen erwerben und in Ruhe den Wagen reparieren. Die Wartezeit nutzte ich erstmal, um Heike anzurufen und ihr die Lage zu schildern. Noch immer hatte ich die Hoffnung, den Abend mit ihr verbringen zu können, obwohl mir allmählich schwante, dass die Chancen dafür ständig sanken. Der Abschlepper kam tatsächlich schnell, aber auch er hatte mit dem Verkehr zu kämpfen und so kamen wir schließlich fünf Minuten nach Geschäftsschluss auf dem Hof der ATU-Filiale an. Drinnen war noch Personal zu sehen, darum klopfte ich an, und man öffnete mir. Aber: Nein, die Kasse sei schon zu und man könne mir nichts mehr verkaufen selbst wenn man es wolle. Nichts zu machen. Der Schlepper, der nur Anweisung hatte mich zur nächsten Werkstatt zu bringen, zuckte bedauernd die Schultern und empfahl sich. Da stand ich nun mutterseelenallein in der spätherbstlichen Dunkelheit auf einem Parkplatz in einer der weniger attraktiven Gegenden von Frankfurt und überdachte meine Optionen.

Und die waren leider nicht mehr sehr zahlreich. Noch immer aber wollte ich nicht einsehen, dass ich in Frankfurt gestrandet war. Es musste doch eine Möglichkeit geben, den Wagen heimwärts schleppen zu lassen. Also nochmal den Pannendienst angerufen. Ja, das wäre tatsächlich möglich, bestätigte mir der durchaus freundliche und um Hilfe bemühte Mensch am anderen Ende der Leitung, nachdem ich ihm die Lage geschildert hatte. Er werde nach einem Partnerunternehmen mit freien Kapazitäten suchen und dann zurückrufen. Apropos zurückrufen… Nun machte sich Murphys Gesetz auch noch in Gestalt eines rasch sinkenden Akku-Ladestandes bemerkbar. In der Annahme, mit dem frisch geladenen Telefon würde ich gut über den Tag kommen, hatte ich weder Ladekabel noch Powerbank mitgenommen. Nun, über den Tag gekommen war ich tatsächlich, aber nun erwies sich die Kommunikationsmöglichkeit als entscheidender Faktor für mein weiteres Wohl oder Wehe an diesem Abend. Als der Pannendienst zurückrief, hatte der Ladestatus die einstellige Zone erreicht, und zum ersten Mal beschlich mich so etwas wie ein mulmiges Gefühl. Wenn jetzt der Akku aufgibt, das wusste ich, wäre ich so richtig am A…. Das Gefühl verstärkte sich noch, als mir der Pannendienstmitarbeiter eröffnete, dass leider kein Heimtransport an diesem Abend mehr möglich sei. Gewöhnt daran, das sich doch alles immer irgendwie regeln lässt, und immer noch nicht wahr haben wollend, dass ich gestrandet wahr, maulte ich erstmal den Mann am Telefon an. Der konnte natürlich gar nix dafür, das kein Abschleppdienst im Umkreis von 50 Kilometern einen freien Fahrer hatte, und blieb bewundernswert freundlich, bis ich mich ausgekotzt hatte. Dann machte er das Angebot, ich könne einen Mietwagen für die Heimfahrt nehmen oder in einem Hotel übernachten und am nächsten Morgen den Transport begleiten. Das war der Moment, in dem Murphys Gesetz so richtig zuschlug.

Ihr erinnert euch an die Sache mit der Brieftasche? Wie mietet man einen Leihwagen ohne Führerschein? Wie bucht man ein Hotelzimmer ohne Kreditkarte und Personalausweis? Richtig – gar nicht. Akkuladestand: vier Prozent. Ich würde wohl im Auto schlafen müssen. Wie aber sollte ich am nächsten Tag ohne Telefon Kontakt mit dem Abschleppdienst aufnehmen? In Situationen wie diesen reagiere ich meist sehr fatalistisch. Wenn wirklich alle Möglichkeiten ausgereizt sind, wenn alles versucht wurde und alles gescheitert ist, dann ergebe ich mich in mein Schicksal – nicht resigniert oder mutlos, sondern eher sehr ernüchtert. Ein Depp, der ohne Papiere, Brieftasche und Ladekabel mit einer gerade erst erworbenen alten Karre auf einen 400 Kilometer-Trip geht, hat es nicht anders verdient. Ein letzter Anruf bei Heike wäre wohl noch drin, und jetzt zeigte sich, dass die Kaschubin nicht nur ein Herz aus Gold hat, sondern auch ebenso pragmatisch wie energisch Probleme lösen kann. Nachdem ich sie – frierend auf dem Beifahrersitz liegend – über den Stand der Dinge ins Bild gesetzt hatte, übernahm sie kurzerhand die Regie: „Spar dir den Akku, damit ich zurückrufen kann“, schnitt sie weitere Lamentos meinersets ab und legte auf. Und los. Zunächst klärte sie alles mit dem Pannendienst. Dann machte sie ein Hotel ausfindig, das noch ein Zimmer frei hatte. Dann faxte sie eine Kopie meines Personalausweises dorthin – daraufhin war man bereit, mir ein Zimmer gegen Barzahlung zu geben. Und sie schaffte es, im Hotel vom Spätdienst ein Taxi zu meiner Position schicken zu lassen und eine Lademöglichkeit für mein Handy zu organisieren. Kurzum: Sie hat mich gerettet. Statt halb erfroren auf dem Beifahrersitz durfte ich in einem warmen Hotelbett schlafen, mein Handy wieder aufladen, ein bisschen fernsehen und ein Bierchen aus der Minibar schlabbern. Selten war ich so dankbar. Und tatsächlich hatte die Pechsträhne jetzt ein Ende. Eine ordnende, überaus positive Kraft hatte eingegriffen und das Allerschlimmste verhindert.

Der Rest der Geschichte ist darum schnell erzählt: Am nächsten Morgen traf ich fast zeitgleich mit dem Abschleppdienst bei meinem Wagen ein. Schnell war die Kiste aufgeladen, und bei fast schon sonnigem Wetter machten wir uns auf in Richtung Heimat. Der Fahrer war ein freundlicher Kerl um die 40, ein Ex-KFZ-Mechaniker und Ex-Fernfahrer, der den 40-Tonner mit einem Abschleppwagen getauscht hatte, um mehr Zeit für Frau und Kind zu haben. Mit ihm ließ es sich gut quatschen, und so vergingen die zweieinhalb Stunden nach Hagen wie im Flug. Nachdem er den Ford bei einer Werkstatt in Letmathe abgeladen hatte, empfahl er sich grüßend und fuhr davon. Heike wartete schon mit dem Nugget dort, und ich kann euch sagen, ich war soooo froh sie zu sehen und endlich wieder daheim zu sein. Übrigens zeigte sich im Nachinein, dass mir mit dem Riemen in Frankfurt nicht geholfen gewesen wäre. Meine Werkstatt, bzw. deren Meister, bestand zum Glück darauf, sich das Auto zunächst ansehen zu wollen, bevor ein neuer Riemen bestellt würde. Dass der Riemen allein wegen Alterung gerissen war wie von mir vermutet, wollte er nicht glauben. Und tatsächlich: Die Welle des Klimakompressors hatte gefressen und schließlich blockiert. Deswegen auch der Gummigeruch nach der Hinfahrt im Parkhaus. Nachdem dies festgestellt wurde, entschieden wir uns für eine pragmatische und günstige Lösung: Im Winter braucht man keine Innenraumkühlung, also wurde der Kompressor ausgebaut und stattdessen ein kürzerer, passender Riemen von einem anderen Fahrzeugmodell eingebaut. Nun läuft das Auto wieder, und das Radio ist auch endlich richtig eingebaut…

Ich habe aus der Geschichte gelernt, wie dünn die Fäden des Netzes der gefühlten Sicherheit sein können. Hier war es nun bloß eine läppische Autopanne – was aber, wenn es wirklich ernst wird? Was machen wir dann ohne Plastikgeld, Mobilfunk, Strom und Identität? Demut ist hier angezeigt vor der Schicksalsgöttin, und ein Loblied auf all jene Menschen, die sich redlich bemüht haben mir zu helfen:
– Die geduldigen Mitarbeiter in der Telefonzentrale des ACE, die sich trotz meines aus Verzweiflung geborenen Querulantentums nicht aus der Ruhe bringen ließen.
– Die verständnisvolle Dame an der Hotelrezeption, die mir ihr Handyladegerät überlassen hat.
– Die türkischstämmige Taxifahrerin, die es von Recklinghausen an den Main verschlagen hatte und die mich mit dem Satz „Ich bin ein Kohlenpott-Mädel“ erheiterte.
– Der freundliche Abschleppdienst-Fahrer, der mit seinen Geschichten dazu beigetragen hat, das mir die Welt etwas weniger düster schien.
– Und ganz zuvorderst natürlich meine Heike, meine heiß und innig geliebte Kaschubin, ohne die ich eine mehr als ungemütliche Nacht hätte verbringen müssen.

Ich danke euch allen!

Kategorie Allgemein
Autor

Andreas hat ein umfassendes Wissen was Geschichte angeht. Besonders interessiert ihn die Zeit während des Zweiten Weltkrieges. Ein großes Repertoire an Kenntnissen aller Fakten, Geschehnisse und ganz besonders über die Militärtechnik zeichnet ihn aus.

1 Kommentare

  1. Ein eindrucksvoller Beitrag wie ich finde. Ich habe die selber Erfahrung auf andere Art und weise gemacht…ICh war dieses Jahr auf Tansania safari (wo ich übrigens von Frankfurt aus hingeflogen bin 😉 ) und da wurde mir auch bewusst wie sehr die westlich, europäische Welt an materiellen Dingen hängt und von ihnen abhängig ist….

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