Hundstage und Katzenjammer…

Der Tag, an dem ich dies schreibe, brachte die große Erleichterung: Ein paar Regentropfen am frühen Morgen, eine frische Brise, Temperaturen von „nur“ noch 26 Grad. Davor…

IMG_2782… fast eine Woche lang brannte die Sonne ungehindert vom blauen Himmel, übergoss das Land wie mit flüssigem Blei. Sogar der französische Wetterdienst warnte vor „extremer Hitze“. Der Sand am Strand wurde so heiß, das man in Bewegung bleiben musste, wollte man nicht Brandblasen an den Fußsohlen bekommen. Tagsüber war es nur im Schatten auszuhalten, die Aktivitäten auf das Minimum reduziert. Selbst kalte Duschen brachten nur minutenlang Linderung. Zeit genug also, im Schatten zu dösen, dem Gesang der Zikaden zuzuhören und über das nachzusinnen, was so passiert ist, über schräge Marotten, enttäuschte Erwartungen, großartige Momente, spannende Begegnungen und vieles mehr.IMG_2785

Zum Beispiel habe ich noch gar nicht über diverse kaschubische Rituale berichtet, derer Heike frönt, und die Mutmaßungen nähren, bei den Kaschuben handele es sich um einen Volksstamm keltisch-gallischer Prägung. Aufmerksame Leser dieses Blogs erinnern sich an die bereits in vorangegangenen Beiträgen geschilderte Diskussion zu diesem Thema. Wie jeder weiß, der einmal ein Asterix-Heft gelesen hat, fürchteten die Gallier, zumal deren Häuptlinge, das ihnen eines Tages der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Bei der Kaschubin ist es das Bett. Jeden Abend, wenn wir ihre Schlaffläche aus dem Klappdach herunter lassen, kauert sie sich darunter zusammen, die Knie eng an den Körper gezogen, die Arme über dem Kopf verschränkt, darüber ein Kissen haltend. Obwohl es schlicht ebenso unmöglich ist, dass einem das Bett auf den Kopf fällt wie der Himmel, da es sehr solide auf dem Dachrahmen aufliegt und außerdem an einem Ende mit massiven Scharnieren befestigt ist, hält die Kaschubin an ihrem Ritual fest. Jedes auch nur ansatzweise Grinsen meinerseits darüber quittiert sie mit einem Blick in dem Trotz und Verachtung liegen: Zweifel nur, Ungläubiger, bis dir das Bett selber auf den Kopf fällt!IMG_2849

Liegt die Kaschubin dann einmal in ihrer Schlafstatt unter dem luftigen Klappdach, wobei die an die Befahrung schwierigster Höhlensysteme gewöhnte und erfahrene Kaschubin natürlich ebensowenig den geringsten Argwohn hegt, dieses könne ihr auf den Kopf fallen wie ein tonnenschwerer Kawenzmann unter Tage, beginnt ein weiteres bizarr anmutendes Ritual. Unter Einbeziehung von Erdstrahlen, den planetaren und solaren Magnetfeldern, möglichen Wasseradern und der Wuppdität der Erdachse ermittelt die Kaschubin ihre Schlafposition. Einfach nur gerade in Bett liegen wie jeder andere – laaaangweilig! Tatsächlich hegt die Kaschubin aber die Befürchtung, sie könne des nachts, wenn geheimnisvolle Bereiche ihres Nervensystems die Kontrolle über ihren Körper übernehmen, diesen einer Schnecke oder einer Spanner-Raupe gleich über die Kante des Bettes kriechen und auf die fünf Meter tiefer gelegene Küchenzeile fallen lassen. Aus diesem Grunde schläft sie grundsätzlich diagonal auf der Bettfläche, was natürlich zu Folge hat, das außer ihr dort niemand mehr hin passt und ich mir ein Stockwerk tiefer die Liegefläche mit den Hunden teilen muss, aber dazu später. Nachdem sie also sichergestellt hat, das jedweder somnambulischer Gestaltwandlung und der damit verbundenen Bewegung spätestens an einer Ecke des Bettes Einhalt geboten wird, steht die Kaschubin noch vor einem weiteren Problem. Da sie beim nächtlichen Hin- und Herwälzen teils beträchtliche Beschleunigungswerte erreicht, fürchtet sie, sie könne den aus zartestem Chinapapier gefertigten Faltkorb des Klappdaches seitlich durchschlagen und gegen den fünf Meter entfernten Kiefernstamm prallen – mit ernsten Folgen für den unschuldigen Baum. Um dies weitgehend zu verhindern, legt sie sich stets so, dass ihr Körperschwerpunkt auf gleicher Höhe wie die Gasdruckfedern liegt, die das Hochdach des Campers in seiner geöffneten Position halten. Da es sich zum Glück um sehr stabile Bauteile handelt, müssen wir die verbogenen Federn nur jeweils dann gegen Ersatz aus unserem umfangreichen Fundus ersetzen, wenn wir das Dach mal wieder herunterklappen müssen, um weiterzufahren. Wer jetzt grinst, sollte froh sein, dass die Kaschubin es nicht sieht, ihr wisst schon, Trotz und Verachtung…

IMG_2724… Le Gurp… ich muss gestehen, dass ich am Anfang arg mit dem Ort gefremdelt habe. Das hat mich sehr blockiert, ich hatte eine unwillkürliche Abwehrhaltung eingenommen und nichts konnte mich so wirklich begeistern. Der Grund dafür waren die enormen Mengen an Menschen auf dem Campingplatz und die Tatsache, das man dort mehr deutsche Dialekte als Fremdsprachen hören konnte. Man kam sich vor wie in einer deutschen Kolonie. Hinzu kam ein andauernder Autoverkehr und zu manchen Zeiten ein Fahrradaufkommen, das dem einer asiatischen Metropole zur Stoßzeit nicht unähnlich war. Klar, dass es da nur eine Frage der Zeit war, bis Heike, die sich in diesem Bienenkorb sauwohl fühlte, und ich aneinandergerieten. Sie erwartete, das ich etwas mit ihr unternehme, ich hingegen zählte die Tage, wann wir wieder von hier wegfahren würden, und hätte die Zeit bis dahin gerne im Schlaf verbracht, was aber wegen der Hitze auch nicht ganz einfach war. Wie das immer so ist, entlädt sich die aufgestaute Unzufriedenheit dann an einer Kleinigkeit: An einem ansonsten eigentlich ganz harmonischen Tag war ich es dann, der am späten Abend angesichts der Aussicht, mal wieder mit zwei wie frisch gebrannte Ziegelsteine glühenden Hunden auf der kleinen Liegefläche nächtigen zu müssen, schwitzend und mit minimaler Bewegungsfreiheit, den Campingkoller bekam. Man mault rum, sagt Sachen die man nicht sagen will, weil man weiß das es ungerecht ist, es wird zurück gegiftet und die Fairness bleibt schnell auf der Strecke. Ich denke das kennt jeder, deswegen, und weil es unsere private Sache ist, gehe ich hier nicht ins Detail. Aber, wie Jürgen Becker so gerne sagt: Nix is so schlecht, dass es nicht auch für irgendwas gut is, und schließlich haben wir uns ja auch wieder vertragen. Der Disput brachte mich jedenfalls zum Nachdenken über meine ablehnende Haltung: Wäre ich als Jugendlicher nicht auch gerne hier gewesen, hätte tropisch warme Sommernächte mit Gleichaltrigen am Strand verbracht? Warum gehe ich so verkopft an die Sache heran, statt offen zu sein für das was sich bietet, Sonne und Meer zu erleben, ja und auch die Anwesenheit vieler gutgelaunter Menschen jeden Alters, Landsleute hin oder her. Wer hier keine Bekanntschaften schließt, ist sozial völlig erloschen oder tot. Ich begann also, mich zu öffnen, und siehe da, ich fing an es zu genießen: Das bunte Treiben, die atemberaubend schönen Sonnenuntergänge, den endlos scheinenden Strand, den Duft der Kiefern.

lehrer_lempel

IMG_2788

Und nun fängt er an zu genießen…

IMG_2805IMG_2721 IMG_2804 IMG_2800 IMG_2793IMG_2824 IMG_2752 IMG_2729 IMG_2648 IMG_2615 IMG_2773 IMG_2840 IMG_2842 IMG_2859 IMG_2866Heikes Bilder geben das aber viel besser wieder als ich es mit Worten könnte – bis auf den Duft natürlich. Und ich denke auch, sie wird selbst noch etwas dazu schreiben. Als wir schließlich nach acht Tagen wieder aufbrachen, taten wir beide, Heike und ich, es mit etwas Wehmut. Auch wegen einiger Begegnungen – Tim zum Beispiel, ein ausgebildeter Schäfer mit Meisterbrief, gebürtig direkt bei uns daheim um die Ecke in Schalksmühle: Vor zwölf Jahren kehrte er Deutschland aus Unmut über die dortige Politik den Rücken und wurde in Frankreich zum Tramp. Mit einem alten Lastenfahrrad und zwei Anhängern, auf denen alles verstaut ist, was Tim und sein Hund benötigen, tingelt er seitdem kreuz und quer durch Frankreich, mehrere zehntausend Kilometer sind so schon zusammen gekommen. IMG_2718 IMG_2810Tim hält sich mit Schäferjobs und als Saisonarbeiter bei der Weinlese über Wasser – eher schlecht als recht, das muss man sagen. Seinen Lebensmut hat der irgendwie kauzige Kerl deswegen nicht verloren, den die Kaschubin sofort als Ihresgleichen erkannte und in ihr Herz schloss. Tim schenkte uns, als er von Heikes Jakobsweg-Abenteuer erfuhr, je eine Jakobsmuschel, die er selbst gesammelt hatten, und ging früh in sein Zelt zum Schlafen. Am nächsten Morgen war sein Zeltplatz leer – um fünf Uhr morgens war Tim schon wieder aufgebrochen, weiter per Rad gen Süden. Uns hingegen führte der weitere Weg nach Norden, just an dem Tag, an dem die Hitzewelle im Medoc eine kurze Pause einlegte und es sogar ein paar Tropfen regnete. Unsere nächste Station wird in der südwestlichen Bretagne liegen, am Strand von La Govelle, wo wir schon im vergangenen Jahr – wie eifrige Leser dieses Blogs wissen – ein paar Tage auf einem wirklich tollen kleinen Campingplatz verbracht hatten. Von dort melde ich mich wieder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.