Von Maskenmännern und Schnarchnasen

Neulich hörte ich im Radio einen Beitrag über das Thema „Sekundenschlaf“. Wusstet ihr, das zehn Prozent aller schweren Verkehrsunfälle auf Autobahnen darauf zurückzuführen sind? Wer kennt nicht die Verkehrsfunkmeldungen, ein LKW sei in ein Stauende gefahren oder habe die Mittelleitplanke durchbrochen. Nun sind LKW-Fahrer durch ihren Beruf sicher eine besondere Risikogruppe, aber es leiden sehr viel mehr Menschen unter dem Phänomen, und das bei Weitem nicht allein im Straßenverkehr. Ich bin dafür inzwischen besonders sensibilisiert, denn ich bin ein Betroffener.

Wie so viele andere habe ich dem Sekundenschlaf früher nie große Bedeutung zugemessen. Klar, man war übermüdet, sollte eigentlich nicht mehr fahren – diese Erkenntnis bestand schon. Aber man wollte ja nach Hause, also fuhr man weiter. Die oft augenzwinkernd verwendete Floskel „Augen zu und durch“ bekommt da einen unschönen Beigeschmack. Erste Sekundenschlaferlebnisse hatte ich als junger Mann auf nächtlichen Heimfahrten von der Disco und nach einem nächtlichen Getriebewechsel am Auto. Auffälliger wurde das Phänomen während meines Studiums, als ich bei so mancher Vorlesung und in so manchem Seminar mich nur mühsam wach halten konnte. Auch das schob ich zunächst auf meinen Lebensstil, aber es war nur die halbe Wahrheit, denn auch später im Berufsleben konnte ich zum Beispiel bei Meetings oder Präsentationen oft kaum die Augen offen halten. Eine Erklärung hatte ich natürlich parat: All diese Veranstaltungen, in denen man zwangsweise irgendwo sitzt und still zuhören muss, sind halt furchtbar langweilig. Da schläft man doch automatisch ein.

Warum aber diese Müdigkeit? Nun, heute weiß ich, dass sie auf das Schnarchen zurückzuführen ist, und dieses wiederum mit Übergewicht zusammenhängt. Wer übergewichtig ist, erleidet während des Schlafes eine Reduzierung des Atemflusses: Der natürlicherweise abflachende Atem schafft es bei solchen Menschen nicht mehr, den Luftdruck aufzubauen, der notwendig wäre, um die Atemwege offen zu halten. Das Gaumensegel erschlafft, der Schlafende beginnt zu schnarchen bis schließlich die Atemwege ganz blockiert sind. Man hört auf zu atmen, die Sauerstoffkonzentration im Blut nimmt ab und irgendwann sendet der Körper ein Alarmsignal und weckt den Schläfer auf. Das merkt der aber meist gar nicht weil er sofort wieder einschläft. Aber er schläft nicht einfach weiter, sondern fängt gewissermaßen von vorne an. Ein echter, erholsamer Tiefschlaf wird so gar nicht mehr erreicht. Man wacht morgens auf und ist immer noch müde. Selbst nach einem kleinen Mittagsschläfchen fühlt man sich eher noch mehr wie gerädert.

Diese nächtlichen Atemaussetzer und die damit verbundene Sauerstoffarmut nennt man medizinisch Schlafapnoe. Das Heimtückische an ihr ist, dass man sie selbst kaum bemerkt. Dafür aber leiden die Lebenspartner umso mehr darunter. Auch ich wollte es zuerst nicht wahrhaben. Schon während des Studiums hatte mich meine damalige Partnerin des Nachts öfters angestoßen, wenn ich mal wieder wie tot da lag, viele Sekunden, ja bis zu einer Minute lang ohne zu atmen. Ich maß dem keine Bedeutung zu, und einen Zusammenhang mit meinen Sekundenschlafattacken stellte ich auch nicht her. Als Mensch unter 40 glaubt man eben noch, Krankheiten wären was für Alte. Erneut konfrontiert wurde ich damit durch Heike: Sie nahm, während ich schlief, meine Schnarch- und Atemgeräusche mit dem Mobiltelefon auf und spielte sie mir am nächste Morgen vor. Da war ich doch etwas erschrocken. Als wir dann hörten, das ein Bekannter von uns genau deswegen im Schlaflabor war, ließ sie solange nicht locker, bis ich mir ebenfalls einen Termin beim Lungenarzt besorgt hatte.

Man bekommt dort als Patient zunächst ein Messgerät, das man mit nach Hause nimmt und damit eine Nacht schläft. Es zeichnet die wichtigsten Parameter auf wie Atemfrequenz, Atemfluss und Sauerstoffsättigung. „Dramatisch“, so nannte der Arzt die Ergebnisse nach der Auswertung: Beinahe jede Minute hatte ich einen Atemaussetzer in der Nacht, die lebenswichtige Versorgung des Körpers mit Sauerstoff sank auf ein bedrohlich niedriges Niveau, der gesamte Schlafverlauf war gestört. So dramatisch war der Befund, dass ich sofort und ohne einen Schlaflabortermin ein spezielles Gerät zur Beatmung bei Nacht erhielt. Es besteht aus einem kleinen, etwa kofferradiogroßen Kasten, einem langen Schlauch und einer Silikonmaske, die auf die Nase gesetzt wird. Man sieht damit aus wie ein Elefant, der mit seinem Rüssel in einem dieser Gebläse feststeckt, die manchmal auf Toiletten zum Händetrocknen dienen. Und obwohl sich das unbequem anhört, kann man damit ganz hervorragend schlafen.

Wie hervorragend, das erfuhr ich nach meinem ersten Schlaflabortermin. Er diente dazu, noch umfangreichere Messungen vorzunehmen wie unter anderem auch ein Dauer-EKG. So konnte auch das „Gebläse“ richtig justiert werden: Bei sieben Millibar Überdruck hörte ich nachts komplett auf zu schnarchen, und Atemaussetzer hatte ich keine mehr. Auch mit dem Schlafverlauf war der Arzt höchst zufrieden: Alles hatte sich vollständig normalisiert. Wie ich mich jetzt fühle? Ich müsste lügen wenn ich sagen würde „wie ein anderer Mensch“. Aber ich bin nun morgens ausgeschlafen, fühle mich nach einem Mittagsschlaf wieder fit und habe seitdem so gut wie keine Sekundenschlafanfälle mehr erlebt. Das kann man durchaus als Wiedergewinn von Lebensqualität bezeichnen. Bald habe ich meinen zweiten Schlaflabortermin zur Kontrolle.

Am allermeisten aber profitiert meine liebe Heike von der Veränderung. Denn sie kann jetzt ebenfalls durchschlafen, ohne Ohrenstöpsel und die ständige Alarmiertheit, die meine Atemstillstände auslösten. Außerdem profitieren davon viele unbekannte Verkehrsteilnehmer, die ich auf diese Weise eben nicht in einen möglicherweise tödlichen Unfall verwickelt habe – es war doch wirklich nur Glück, das mir in der Vergangenheit nichts derartiges passiert ist. Wie oft habe ich mich auf langen Fahrten nur durch lautes Singen, Kneifen in den Oberschenkel oder selbstverpasste Ohrfeigen wachgehalten – nicht immer ganz erfolgreich.

Also, liebe Schnarchnasen unter euch Lesern. Werdet Maskenfrauen und -männer so wie ich, tut es euch zuliebe und wenn schon nicht deshalb, so doch euren Partnerinnen und Partnern zuliebe und der vielen Menschen, denen ihr durch Sekundenschlaf Schaden zufügen könnt. Man gewöhnt sich an das Ding sehr schnell, ja lernt es sogar zu schätzen weil es das Atmen schon im Wachzustand so spürbar erleichtert. Oder nehmt 20 Kilo ab… haha, seht ihr?

Kategorie Allgemein
Autor

Andreas hat ein umfassendes Wissen was Geschichte angeht. Besonders interessiert ihn die Zeit während des Zweiten Weltkrieges. Ein großes Repertoire an Kenntnissen aller Fakten, Geschehnisse und ganz besonders über die Militärtechnik zeichnet ihn aus.

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