Weihnachtswunder

Der Weihnachtsmann von Deutschland starrte missmutig auf das Display seines Computerbildschirms. Aber es half alles nichts: Die rechteckige Fläche blieb dunkel. Ausgerechnet jetzt. Mitten in den Vorbereitungen zum Weihnachtsfest! Wie sollte er da seine Arbeit machen?

Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm, als er daran dachte, das er zu denen gehört hatte, die am vehementesten für die Umstellung der Geschenkverteilung auf moderne Logistiksoftware und just-in-time Lieferungen plädiert hatten. Die Leiter der anderen Regionalstellen der Weihnachtsmann AG waren da durchaus gespaltener Meinung. Während Santa Claus, Chef einer der größten Filialen in Amerika, ganz auf seiner Linie war, lehnte sein Kollege im Schwarzwald, der vornehmlich die Schweiz beliefert, die Technik ebenso ab wie Sinterklaas, der mit Zwarte Piet in den Niederlanden unterwegs ist. Und auch Väterchen Frost, der mit seinem blauweißen Kostüm schon immer aus der Rolle gefallen war, zog lieber weiter auf altmodische Weise mit Schneeflöckchen, seiner Gehilfin, durch die russischen Lande.

Traditionalistische Ignoranten, hatte er damals gedacht. Er würde es ihnen schon zeigen. Die neue Technik war wesentlich effizienter, Rentiere, Schlitten und das ganze Brimborium waren überflüssig. Auch den blöden roten Mantel hatte er in den Schrank gehängt, den Bart gestutzt.

Es hatte doch alles so gut funktioniert! Die neue Software brachte volle Transparenz und Kontrolle über den Auslieferungsprozess. Der Weihnachtsmann von Deutschland hatte es nämlich satt, von irgendwelchen neunmalklugen Menschlein vorgerechnet zu bekommen, dass er eigentlich unmöglich sei. Was für schlaue Artikel hatte er schon darüber gelesen! In einem hieß es, er müsse sich mit 1040 km in der Sekunde bewegen, um in der Weihnachtsnacht alle Kinder der Welt zu beschenken. Andere Schlauberger vermuteten gar, er verhalte sich wie ein Elektron – und könne daher gemäß der Heisenbergschen Unschärferelation überall zugleich sein.

Da war natürlich etwas dran, denn was in der Heiligen Nacht geschah, kam dem im Ergebnis ziemlich nahe. Tatsächlich aber war der Weihnachtsmann als himmlisches Wesen überhaupt keinen physikalischen Gesetzen unterworfen. Und lange Zeit fand der Weihnachtsmann dass auch völlig in Ordnung. Zusammen mit seinem Freund Knecht Ruprecht war er mit dem Schlitten durch den Advent gerauscht, bewegte sich dabei ebenso durch die Zeit wie auch den Raum und noch einige andere Dimensionen, über die Menschen besser nichts wissen. Doch jede Gesellschaft bekommt den Weihnachtsmann, den sie verdient. Die Versuche, durch mehr oder weniger ernst gemeinte Berechnungen die Existenz oder Nichtexistenz des Weihnachtsmannes zu belegen, waren nur relativ harmlose Anzeichen einer immer weiter fortschreitenden Entzauberung des Weihnachtswunders. Santa Claus war dem als erster zum Opfer gefallen, als er einen Werbevertrag mit Coca Cola unterschrieb. Arbeiteten die Weihnachtsmänner normalerweise eher im Verborgenen, war der Dicke vom Nordpol auf dem nordamerikanischen Kontinent nun quasi omnipräsent.

Da wollte selbst der deutsche Weihnachtsmann nicht mitziehen. Aber es wäre doch gelacht, wenn man die Auslieferung nicht besser organisieren könnte, dachte er, und so nahm die Umstellung ihren Anfang. Keine unbegreifliche himmlische Kraft mehr war nötig, um die Weihnachtsgeschenke an ihre Empfänger zu bringen. Eine weltumspannende Logistik-Organisation, gegen die FedEx, DHL und UPS nur Kindergärten waren, sorgte seit einigen Jahren für die reibungslose Abwicklung. Natürlich immer noch mit Hilfe von ein bisschen göttlicher Magie – irgendwie mussten die Menschen ja dazu gebracht werden, in den Geschäften die richtigen Sachen zu kaufen. Die Verwaltung der Wunschzettel übernahm aber die Software, und der Weihnachtsmann kontrollierte nur ab und zu, ob alles seine Richtigkeit hatte.

Leider, gestand sich der Weihnachtsmann ein, war das Programm nicht so perfekt wie anfangs gedacht. Fehler schlichen sich ein: Immer häufiger kaufen die Menschen das Falsche – Dinge, die nicht mehr das Herz der Kinder, Freunde, Partner und Verwandten erreichten. Es schneite zu Weihnachten kaum noch, und auch immer weniger Magie war in der Luft. Der Weihnachtsmann sah dies an den immer seltener werdenden Nordlichtern über Deutschland. Ganze drei Erscheinungen hatte es in diesem Jahr gegeben. Am Schlimmsten aber hatte ihn getroffen, dass Knecht Ruprecht ihn verlassen hatte. Die große, düstere Gestalt mit der schwarzen Kutte und der Rute hatte sich eines Tages – war es jetzt drei oder vier Jahre her? – wortlos und kopfschüttelnd abgewendet und war fort gegangen.

Der Weihnachtsmann musste zugeben, dass er Ruprecht vermisste. Der Finstere liebte die Rentiere und die wilden Schlittenfahrten. Sein scharfer Verstand und geradliniger Charakter hatten den Weihnachtsmann mehr als einmal vor Dummheiten und übereilten Entscheidungen bewahrt. Nur vor der größten Dummheit nicht, denn da wollte der sich nicht hineinreden lassen. Geschenke verteilen war schließlich sein Job. Und damit sah es jetzt mehr als schlecht aus.

Noch immer konnte es der Weihnachtsmann nicht fassen. Ausgerechnet jetzt, am Heiligen Abend, ein Stromausfall. Er hatte ein paar Kerzen angezündet, die er irgendwo in einer Schublade gefunden hatte. Plötzlich gewahrte er auf dem Computerbildschirm einen bläulichen Schimmer. Er strich mit den Händen darüber, und erschrocken stellte er fest, dass auch sie leuchteten wie eine Kirlian-Aura. Plötzlich wusste der Weihnachtsmann, was er da sah: Elmsfeuer! Dann stand er auf und ging ans Fenster seiner Hütte, die in einem unzugänglichen Teil des Harzes in einem einsamen Wald steht. Am Himmel zog eine geisterhafte Erscheinung auf, die aussah wie ein himmlischer Duschvorhang. Sie leuchtete in den seltsamsten Farben. Ein Nordlicht! Und was für eins! Noch nie hatte der Weihnachtsmann eines von solcher Intensität gesehen. Fast hätte er vor Staunen das Klopfen an der Tür überhört. Er öffnete, und da stand Ruprecht, in Sackleinen, das Gesicht wie immer im Schatten, und dahinter stand der Schlitten, voll bepackt mit Geschenken, bespannt mit den schönsten und kräftigsten Rentieren, die der Weihnachtsmann je gesehen hatte. Um ihre Geweihe und die Kufen des Schlittens spielten blaue Elmsfeuer. „Ein Wunder“, flüsterte der Heilige Mann, ohne zu bemerken, dass er plötzlich den roten Mantel trug. „Ein Wunder“, dachte er noch einmal. Und er ließ es geschehen.

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Autor

Andreas hat ein umfassendes Wissen was Geschichte angeht. Besonders interessiert ihn die Zeit während des Zweiten Weltkrieges. Ein großes Repertoire an Kenntnissen aller Fakten, Geschehnisse und ganz besonders über die Militärtechnik zeichnet ihn aus.

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