Wuni LAN Party

Der nun folgende Bericht ist eine Zeitreise in die Ära der LAN-Parties, eines Phänomens, das in den frühen 2000-er Jahren seinen Höhepunkt erlebte und mit dem Aufkommen hochperformanter Internetleitungen inzwischen fast wieder verschwunden ist. Schade, sage ich – nicht weil ich der Meinung bin, das früher alles besser war (war es nicht), sondern weil so eine LAN-Party (ja, richtig, LAN, nicht WLAN) eine zumindest für Gamer äußerst spaßige Angelegenheit sein konnte – wenn die richtigen Leute und die richtigen Umstände zusammen kamen. Und: Man konnte so das vernetzte Spielen in echter Gemeinschaft genießen und direkt mit seinen Mitspielern interagieren. Dass man nebenbei zum Beispiel Bier trinken und grillen konnte, lockerte die Sache auf. Der gemeinsame Spaß stand im Vordergrund, nicht (nur) das Spielen. Für mich als Gamer praktisch der ersten Stunde, angefixt in den frühen 80ern von Spielautomaten und C64-Games, waren die ersten netzwerkfähigen Spiele in den 90er Jahren eine Sensation. Und bald standen dann auch LAN-Partys auf meinem Aktivitätenprogramm – selbst veranstaltete und solche, die ich besucht habe. Eine meiner Lieblings-LAN-Parties waren die „Wuni-LANs“, so genannt, weil sie meistens im Gemeindezentrum St. Wunibald in Nürnberg stattfanden. Über eine solche Party habe ich damals ein Protokoll verfasst- viel Spaß beim Lesen 😉

Freitag, 21.01.2005, 10 Uhr

Ich wache auf. Mist, verpennt. Wollte doch noch Proviant einkaufen für die Wunilan. Hastig angezogen, Reiseutensilien gepackt, Rechner abgebaut, zum Supermarkt gefahren.

Freítag, 21.01.2005, 12.15 Uhr

Es klingelt. Christos aka -=senior=- Fafuse steht vor der Tür. Ich öffne, noch außer Atem, weil ich gerade vom Einkaufen wiedergekommen war. Wir räumen mein Geraffel in seinen 124er Benz. Fusi hat gar keinen Rechner dabei. Hätte mich stutzig machen sollen.

Freitag. 21.01.2005, 13 Uhr

Christos Handy-gekoppeltes Navigationssystem gibt den Geist auf. „Macht nichts ich habe ein Ersatzsystem“ sagt Christos und fischt ein Nokia als Ersatz für das Sony Ericson aus der Tasche. Nach einigen Kilometern merken wir, das das Ersatzsystem Probleme bei der Anmeldung hat. Wie gut, das Christos redundant ausgestattet ist. Im Handschufach findet sich ein drittes, schon etwas angestaubtes System, das er jetzt auf einen Schwanenhals steckt. Es leitet uns zuverlässig ans Ziel.

Freitag. 21.01.2005, 13.30 Uhr

Ankunft vor dem Haus von Peter aka -=senior=- Coward. „Peter hat einen Leihwagen für die Fahrt genommen“ sagt Christos. Wir spekulieren auf den weißen Vito am Straßenrand. Dann kommt Peter aus dem Haus und öffnet den Kofferaum eines schwarzen CLS 350 ein paar Meter weiter. Christos und ich schauen uns stumm an.

Freitag. 21.01.2005, 13.45 Uhr

Gut das Christos keinen Rechner dabei hat. Trickreich haben wir alles im Monsterbenz verstaut. Einschließlich mich. Das Auto hat Kniemulden auf der Rückseite der Vordersitze. Noch Fragen? Christos sagt, ihm werde hinten immer schnell schlecht und steigt grinsend vorne ein. Wir fahren los.

Freitag. 21.01.2005, 14 Uhr

A3 irgendwo zwischen Köln und Frankfurt. Christos fragt zum erstenmal, wie es denn mit einem Zwischenstopp bei MacDonalds wär. Ansonsten kontrolliert er das Navigationssystem des Monsterbenz durch fortlaufende Vergleiche mit seinem Nokia-System, das sich endlich eingewählt hat. Ich probiere inzwischen hinten alternative Sitzpositionen aus. Vergeblich.

Freitag. 21.01.2005, ca. 16.30 Uhr

A3 irgendwo in der Nähe von Würzburg. Hatten ein – zwei Staus und lassen uns vom Navi des Benz zum nächsten MacDonalds lotsen. Ich brauche fünf Minuten, um aus dem Benz zu kommen, da ich meine Beine nicht mehr bewegen kann. Fusi ordert drei McChicken und diverse Speisen und Getränke. Auf Peters verwunderten Blick meint er mit tiefernster Miene: „Ich bin hier nicht zum Spaß!“

Freitag. 21.01.2005, 18.30 Uhr

Irgendwo in Franken. Rund um uns nur Berge und Wald. Erwarte halbwegs, hinter der nächsten Biegung die sieben Zwerge nebst Schneewittchen zu sehen. Die Benz-Navi sagt, wir nähern uns dem Zielort. Fusis Navi auch. Pommelsbrunn. Noch etwas, das mich hätte stutzig machen sollen.

Freitag. 21.01.2005, 19 Uhr

Ankunft im Knusperhäuschen… äh, im Luis-Trenker-Heim, äh, quatsch im Sofie-Klein-Heim, das eigentlich Sofie-Klein-Heime heißen müsste, weil es zwei Gebäude sind. Zum Glück, wie sich später herausstellen sollte.

Freitag. 21.01.2005, 20 Uhr

Der Bildschirm meines Rechners wird schlagartig dunkel. Und nicht nur meiner. Großes Geheul hebt an. STROMAUSFALL!!! Der Supergau jeder LAN. Das Licht geht seltsamerweise noch. Ein bisschen Strom ist also noch vorhanden. Das lässt hoffen. Aus Verzweiflung halten sich diejenigen LAN-Party-Gäste, die nicht mit der Wiederherstellung der Energieversorgung beschäftigt sind, am Weizenbier schadlos. „Pumpen“ steht auf der Zapfanlage am Fass, was manche Gäste mit dem vor allem in der nördlichen Hälfte Deutschlands verbreiteten Ausdruck „Abpumpen“ verwechseln. Mit fatalen Folgen.

Freitag. 21.01.2005, 23 Uhr

Die unermüdlichen Techniker und eine Wurfleitung ins Nachbarhaus machen es möglich: Drei Stunden und zwei Weizenbierfässer weiter sind die Lampen wieder an – sowohl die an den Rechnern als auch die der Partygäste. Entsprechend laut ist das Gejohle, wenn mal wieder einer bei Flatout in einen Reifenstapel semmelt. Auf anderen Rechnern tobt die Schlacht um Mittelerde oder die Panzerschlacht bei Kursk. Ein paar CSler üben Headshots.

Samstag, 22.01.2005, 1 Uhr

Ich wanke müde und mit brennenden Augen auf mein Zimmer. Jawohl, Zimmer. Um die übrigen Gäste nicht mit meinem erbarmungslosen Geschnarche zu nerven, ziehe ich die Einzelhaft vor. Das Opfer ist vergebens, wie sich am nächsten Morgen herausstellt. Ein Partygast, dessen Name aus Rücksichtnahme hier nicht genannt werden soll, unterhielt die übrigen Schläfer mit lautstarkem, variationsreichem Erbrechen. Im Zimmer stelle ich fest, dass mein Schlafsack nicht aufzufinden ist. Ich schlafe also in Klamotten. Dank des überreichlich genossenen Weizenbieres nimmt die Methankonzentration im Haus einen Wert an, der in jedem Bergwerk im Ruhrgebiet akuten Schlagwetteralarm ausgelöst hätte. Pommelsbrunn… Nomen est omen.

Samstag, 22.01.2005, 9 Uhr

Nach einer fast schlaflosen Nacht, wachgehalten durch fortgesetzte Methanprotuberanzen aus dem hinteren Leibesende, reihe ich mich in die Reihe der knurrenden Frühstücksaspiranten ein. Nach kurzer Wartezeit komme ich ebenfalls an die Reihe, stelle missmutig fest, das es nur Nutella aufs Brötchen gibt – die Ursache für die knurrenden Unmutsbekundungen meiner Vorgänger. Eine halbe Stunde später taucht einer der LAN-Orgas auf und meint: „Oh, das Nutella ist ja schon fast leer. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mehr davon gekauft. Will denn keiner Käse und Wurst? Die sind im Kühlschrank!“ Mordlüsternde Blicke folgen ihm, als er die Küche wieder verlässt.

Samstag, 22.01.2005, 10 Uhr

Es schneit leicht, die Stromversorgung hält. Beschäftige mich den Vormittag über mit Basteln an meiner Map, bevor ich mich entschließe, Flatout zu installieren. Nettes Spiel, leider können max. acht Leute auf einen Server und der war immer voll. Beobachte mit Befremden, wie Peter mit einem Joystick Auto fährt…

Samstag, 22.01.2005, 18 Uhr

Nach mehreren Stunden Battlegroup42 und harten Panzerduellen mit Opa Neumann schüttele ich die Maus aus meinen zu einer Krallenhand verkrampften Fingern und probiere etwas von meinem mitgebrachten Kartoffelsalat. Entscheide weise, heute abend die Finger vom Bier zu lassen und halte mich an mein mitgebrachtes Mineralwasser. Fusi erbarmt sich und ißt die letzten zehn Bratwürstchen auf, „damit die nicht schlecht werden.“ [MOB] Geronimo taucht auf – hab ihn mir ganz anders vorgestellt, aber so ist das ja immer. Netter Kerl. Wir spielen weiter – erst mit Peter und Rossi FlatOut, dann u.a. mit den -=senioren=- Tosh, Mad Dog, Holla, Popeye, HansHeld, KAD, Chris Vadder und Noctum „Desert Combat“, schließlich wieder Battlegroup42. Musste zwischendurch zweimal meine externe Festplatte abschalten, weil sich wieder jemand an meinen mp3 Dateien gütlich tat und es bei mir ruckelte wie Sau. Hollas Spielefestplatte raucht beim Installieren von Battlegroup42 ab. Bootsektor im Eimer.

Sonntag, 23.01.2005, 2.30 Uhr

Nachdem ich den Rest des Abends mit Stefan aka [MOB] Geronimo übers Mappen und Modeln gesprochen habe, verkrieche ich mich ins Bett. Stocknüchtern aber dankbar. Die Luft bleibt frisch und atembar, ich schlafe tief und fest.

Sonntag, 23.01.2005, 8 Uhr

Am Morgen belohne ich mich mit einer ausgiebigen heißen Dusche. Bin als erster in der Küche und habe das Privileg, die Stärke des Kaffees bestimmen zu dürfen. Kurz darauf erscheint einer der Veranstalter und schiebt Aufback-Brötchen in den Ofen. Bald schon duftet es verführerisch. Der Tag fängt gut an! Starte meinen Rechner, um während der Wartezeit aufs Frühstück mal ins MOB Forum zu gucken. Mist. Vergessen das die LAN offline läuft.

Sonntag, 23.01.2005, 9.30 Uhr

Komme vom Frühstück zurück und stelle fest, dass Fusi inzwischen meinen Rechner heruntergefahren hat und dabei ist, alles abzubauen. Schließe daraus messerscharf, dass er es eilig hat und helfe mit einer Hand – in der anderen die Kaffeetasse – mit. Falte mich anschließend ohne Kaffeetasse wieder auf dem Rücksitz des CLS 350 zusammen.

Sonntag, 23.01.2005, 10 Uhr

Die Benz-Navi hat die sonntäglich leere Autobahn wieder gefunden und Peter gibt Stoff. Stirnrunzelnd quittiert Fusi die Tatsache, dass der Tacho des Benz 240 anzeigt, sein Nokia-Navi aber nur eine Geschwindigkeit von 227 ermittelt. Auf dem Rücksitz versuche ich auszurechnen, um wieviel Millisekunden später ich zerquetscht werde, falls wir mit der niedrigeren Geschwindikeit ein stehendes Hindernis (also quasi alles andere auf der Autobahn) rammen sollten.

Sonntag, 23.01.2005, 12 Uhr

Wir legen eine Pinkelpause ein und gönnen uns einen Kaffee. Ich wähle mit Bedacht einen STEH-Tisch. Es dauert dennoch eine Weile, bis der Schmerz aus meinen Knien weicht. Fusi wählt „Latte Macchiato“ und ist mit seinem lauen Gesöff natürlich als erster fertig. „Von mir aus können wir“, meint er mit einem ostentativen Blick in seine leere Tasse. Ich muss wieder in die Folterkammer.

Sonntag, 23.01.2005, 13.45 Uhr

Wieder in Köln. Finde meinen Schlafsack in Fusis Auto wieder. Verabschiede mich herzlich von Peter und seinem Hund, sowie etwas unterkühlt vom Monsterbenz. Trotz seiner drei Navigationssysteme ist Fusis Karre deutlich geräumiger (zugegeben, aber nicht so schön…).

Sonntag, 23.01.2005, 15 Uhr

Wieder daheim. Haben bei der Fahrt durch Hagen festgestellt, dass Fusis Navi mit den Zeitangaben schummelt. Ich wage einzuwerfen, das ich als Einheimischer den Weg auch ohne Navi finden würde, aber davon will Fusi nichts hören. Interssanterweise lotst uns die Navi genau auf den Weg, den auch ich eingeschlagen hätte – gesetzt den Fall, ich wäre auf den Gedanken gekommen, quer durch die Hagener Innenstadt zu fahren.

Fazit: Wieder eine Wuni-Lan von echtem Schrott und Weizen. Dank an die Organisatoren für die tolle Atmosphäre. Werde bestimmt wieder kommen! (Was ich auch tat! Aber leider ist auch die Wuni-Lan vom allgemeinen Niedergang der LAN-Parties betroffen.)

Kategorie Blog
Autor

Andreas hat ein umfassendes Wissen was Geschichte angeht. Besonders interessiert ihn die Zeit während des Zweiten Weltkrieges. Ein großes Repertoire an Kenntnissen aller Fakten, Geschehnisse und ganz besonders über die Militärtechnik zeichnet ihn aus.

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